Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Auch Fragen zur Strassenverkehrsordnung oder Umgang mit Ordnungswidrigkeiten oder Bussgeldern
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Paperflow
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Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von Paperflow » Mi 24. Jul 2013, 18:07

Hallo,
wenn ich auf einem relativ engen Radweg überholt und durch diesen gerammt werde...

a) Wer ist für den Schaden verantwortlich wenn ich ihn gehört habe, aber wir in dem Moment doch zusammen krachen?
b) Wer ist für den Schaden verantwortlich wenn ich ihn NICHT gehört habe?
c) Wie ändert sich die Sachlage, wenn ich Kopfhörer benutze? Muß der Überholende trotzdem sicherstellen, daß ich ihn gehört habe?
d) Darf man auf einem engen Radweg überhaupt links überholen? (Wenn Ja, wie ist "eng" definiert?)

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Tinu
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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von Tinu » Mi 24. Jul 2013, 21:28

Sehr gute Frage, die ein viel zu wenig beachtetes Grundproblem von Radwegen thematisiert: das Überholen. Da es keine gesonderten Regeln für das Überholen auf Radwegen gibt, gelten automatisch die gleichen Regeln wie auf der Fahrbahn, da sie ja allgemein formuliert sind. Problem ist tatsächlich die Enge der Radwege, die das Überholen generell problematisch macht.

Zunächst die entscheidenden "Pflichten" in Kurzform:
1. §2(2): Rechts fahren (für den Überholten wichtig: wie weit darf man auf dem Radweg nach links schwanken?)
2. §23(1): Keine Geräte nutzen, die das Gehör beeinträchtigen (Kopfhörer stellen je nach Beschallung eine entsprechende Beeinträchtigung dar.)
3. §5(4): Beim Überholen den nötigen Abstand einhalten (wie bemisst der sich?)
Man muss sich beim Überholen allerdings nicht akustisch bemerkbar machen! Beim KFZ auf der Fahrbahn gilt ja auch das Prinzip, dass der Überholte sich nur für den nachfolgenden Verkehr optisch äußert und der Überholte beim entsprechenden Abstand gar nicht behelligt wird, solange er "in der Spur" bleibt.

Im geschilderten Fall wird es auf eine Teilschuld für die beteiligten Radler hinauslaufen, aufgeteilt nach dem Verhältnis, in dem die beiden ihre Pflichten verletzt haben, also der Überholte Pflichten 1 & 2 und der Überholende Pflicht 3. Da es weder für den Abstand nach rechts, noch den zum Überholten, noch für die Bemessung der Gehörbeeinträchtigung fest definierte Werte gibt, kann die Verteilung auch sehr verschieden ausfallen.

Eine gerichtliche Entscheidung dürfte einerseits davon abhängen, wie überzeugend beide Parteien die konkrete Situation schildern, andererseits wie das Gericht die beiderseitigen "Verfehlungen" gewichten.
Gruß
Martin

SaschaD
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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von SaschaD » Do 25. Jul 2013, 13:37

Tinu hat geschrieben:Im geschilderten Fall wird es auf eine Teilschuld für die beteiligten Radler hinauslaufen, aufgeteilt nach dem Verhältnis, in dem die beiden ihre Pflichten verletzt haben, also der Überholte Pflichten 1 & 2 und der Überholende Pflicht 3. Da es weder für den Abstand nach rechts, noch den zum Überholten, noch für die Bemessung der Gehörbeeinträchtigung fest definierte Werte gibt, kann die Verteilung auch sehr verschieden ausfallen.
Natürlich kann auch der Überholte sicherlich Fehler begangen haben, aber ich persönlich kenne kaum fahrbahnbegleitende Radwege, auf denen ein Überholvorgang gefahrlos möglich wäre. Von daher wäre nach meiner Interpretation - ohne den konkreten Unfallhergang zu kennen - schon die Hauptschuld beim Überholenden zu sehen.

Ich habe mir auch schon den Unmut eines hinterherfahrenden Radlers zugezogen, als ich längs der Isar in der Au auf den Radweg den maximalen Sicherheitsabstand zu den rechts davon parkenden KFZ eingehalten habe - wer mich da überholen will, darf dies von mir aus gerne rechts von mir tun und sich dabei selbst gefährden, aber ich werde nicht aufgrund eines Dränglers hinter mir meinen Sicherheitsabstand aufgeben (genau wie auf der Fahrbahn). Aber so ist das nunmal mit verkehrsplanerischen Krückenkonstruktionen, es gibt n+1 Folgeprobleme, wenn man sich mit ihnen einlässt.

Gruß,
Sascha

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Tinu
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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von Tinu » Do 25. Jul 2013, 14:15

SaschaD hat geschrieben:Von daher wäre nach meiner Interpretation - ohne den konkreten Unfallhergang zu kennen - schon die Hauptschuld beim Überholenden zu sehen.
Das würde ich pauschal ebenfalls annehmen. Bei einer Verhandlung wäre allerdings spannend, wieviel "Punktabzüge" es für die Kopfhörer gibt.
SaschaD hat geschrieben:wer mich da überholen will, darf dies von mir aus gerne rechts von mir tun und sich dabei selbst gefährden, aber ich werde nicht aufgrund eines Dränglers hinter mir meinen Sicherheitsabstand aufgeben (genau wie auf der Fahrbahn).
Mit dem Rechtsüberholen gefährdet er nicht nur sich, sondern auch dich und löst gleichzeitig deinen Sicherheitsabstand auf! :!:
SaschaD hat geschrieben:Aber so ist das nunmal mit verkehrsplanerischen Krückenkonstruktionen, es gibt n+1 Folgeprobleme, wenn man sich mit ihnen einlässt.
Deshalb schrieb ich eingangs "viel zu wenig beachtetes Grundproblem von Radwegen": anders als auf der Fahrbahn gibt es in der Regel schon rein baulich keine Ausweichmöglichkeiten, was das Überholen sicherheitstechnisch streng genommen ausschließt. Vor dem Überholen beobachte ich mein "Opfer" deshalb zunächst, bis ich das individuelle Unfallrisiko als vernachlässigbar einschätzen zu dürfen glaube.
Gruß
Martin

SaschaD
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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von SaschaD » Do 25. Jul 2013, 19:15

Tinu hat geschrieben:
SaschaD hat geschrieben:Von daher wäre nach meiner Interpretation - ohne den konkreten Unfallhergang zu kennen - schon die Hauptschuld beim Überholenden zu sehen.
Das würde ich pauschal ebenfalls annehmen. Bei einer Verhandlung wäre allerdings spannend, wieviel "Punktabzüge" es für die Kopfhörer gibt.
Nun, erst einmal wäre ja zu belegen, inwieweit durch die Kopfhörer überhaupt eine Veränderung der Situation stattgefunden hat. Ansonsten können wir auch anfangen, jeden PKW-Fahrer zu belangen, wenn er im Winter mit geschlossenen Fenstern unterwegs ist...
Tinu hat geschrieben:Mit dem Rechtsüberholen gefährdet er nicht nur sich, sondern auch dich und löst gleichzeitig deinen Sicherheitsabstand auf! :!:
Teilweise, sicherlich. Trotzdem ist aus meiner Sicht eine Kollision mit einem nährungsweise gleich schnellen in dieselbe Richtung fahrenden Radler viel leichter beherrschbar als eine Kollision mit einer sich öffnenden KFZ-Tür. Von daher bleibe ich dabei: wer das Risiko für annehmbar hält, darf mich da gerne rechts überholen.

Gruß,
Sascha

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Tinu
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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von Tinu » Do 25. Jul 2013, 20:10

SaschaD hat geschrieben:Nun, erst einmal wäre ja zu belegen, inwieweit durch die Kopfhörer überhaupt eine Veränderung der Situation stattgefunden hat. Ansonsten können wir auch anfangen, jeden PKW-Fahrer zu belangen, wenn er im Winter mit geschlossenen Fenstern unterwegs ist...
Belegen ist schon deshalb nicht möglich, weil im Nachhinein nicht mal mehr nachweisbar ist, was da wie laut von der Umwelt abgeschottet hat. Das ergibt ja gerade den großen Ermessensspielraum in der Teilschuldzuweisung. Ich hab' da zwar nicht den Überblick, aber ich wette, es gibt bereits jede Menge Urteile zu Unfällen, die das Tragen von Kopfhörern entsprechend würdigen. Auch laute Beschallung in PKW (egal ob offen oder geschlossen) ist ja nicht zulässig.
SaschaD hat geschrieben:Trotzdem ist aus meiner Sicht eine Kollision mit einem nährungsweise gleich schnellen in dieselbe Richtung fahrenden Radler viel leichter beherrschbar als eine Kollision mit einer sich öffnenden KFZ-Tür. Von daher bleibe ich dabei: wer das Risiko für annehmbar hält, darf mich da gerne rechts überholen.
Das kann so sein. Andererseits habe ich sich öffnende Autotüren im Blick und kann auf sie reagieren. Radler, die mich von rechts überholen und mir von daher schon zwangsläufig zu nahe kommen, bemerke ich in der Regel erst, wenn sie bereits neben mir sind, erschrecken mich und verleiten mich spontan nach links auszuweichen, wo der Gegenverkehr im zweifelsfall gefährlicher ist als die Autotür. Rechts überholen gerät also schnell zu einer Nötigung, die mich und nicht den Überholenden gefährdet!
Gruß
Martin

SaschaD
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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von SaschaD » Do 25. Jul 2013, 23:01

Tinu hat geschrieben:Belegen ist schon deshalb nicht möglich, weil im Nachhinein nicht mal mehr nachweisbar ist, was da wie laut von der Umwelt abgeschottet hat.
Eben. Genau das war mein Punkt.
Tinu hat geschrieben:Ich hab' da zwar nicht den Überblick, aber ich wette, es gibt bereits jede Menge Urteile zu Unfällen, die das Tragen von Kopfhörern entsprechend würdigen. Auch laute Beschallung in PKW (egal ob offen oder geschlossen) ist ja nicht zulässig.
Also vor einiger Zeit habe ich schonmal nach so etwas gesucht und bin nicht fündig geworden. Bin für neue Erkenntnisse immer und jederzeit dankbar.
Tinu hat geschrieben:Andererseits habe ich sich öffnende Autotüren im Blick und kann auf sie reagieren.
Das halte ich hingegen für einen fatalen Irrglauben. Alleine in den letzten 6 Monaten ist zweimal so knapp vor mir eine Tür direkt komplett aufgestoßen worden, dass ich definitiv nicht mehr hätte reagieren können. Beide KFZler haben auch sehr verschreckt geschaut.
Tinu hat geschrieben:Radler, die mich von rechts überholen und mir von daher schon zwangsläufig zu nahe kommen, bemerke ich in der Regel erst, wenn sie bereits neben mir sind, erschrecken mich und verleiten mich spontan nach links auszuweichen, wo der Gegenverkehr im zweifelsfall gefährlicher ist als die Autotür.
Ich sprach von dem Isarradweg in der Au, wo es keinen Gegenverkehr gibt. In anderen Fällen hast Du zweifellos Recht, allerdings ergibt sich dort dann auch diese spezielle Problematik nicht so.

Gruß,
Sascha

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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von Tinu » Fr 26. Jul 2013, 10:50

SaschaD hat geschrieben:Also vor einiger Zeit habe ich schonmal nach so etwas gesucht und bin nicht fündig geworden. Bin für neue Erkenntnisse immer und jederzeit dankbar.
Außer einem Grundsatzurteil von 1987 (!) habe ich jetzt auch nichts dazu gefunden:
http://www.mitfugundrecht.de/2010/08/ko ... m-fahrrad/
Damit läuft es auf die von mir eingangs schon erwähnte Einzelfallwürdigung hinaus, was auch sonst.
SaschaD hat geschrieben:Ich sprach von dem Isarradweg in der Au, wo es keinen Gegenverkehr gibt. In anderen Fällen hast Du zweifellos Recht, allerdings ergibt sich dort dann auch diese spezielle Problematik nicht so.
Ok, ich dachte mehr an die Standardsituation auf der Fahrbahn. Auf dem Radweg ohne Gegenverkehr - auch nur Theorie angesichts der allgegenwärtigen Geisterradler! - sieht die Lage natürlich anders aus. Hier sehe ich eher die Gefahr, dass mich ein Radler von links überholen will, dem ich unwillkürlich Platz machen will und daher nach rechts ziehe. Da ich mich in dem Moment auf den linksseitigen Radler konzentriere, bemerke ich den rechtsseitigen nicht, der da auch nicht sein dürfte!
Gruß
Martin

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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von veloroadster » Sa 27. Jul 2013, 18:09

Ich habe eine Klingel und benutze sie auch. Wenn es besonders eng wird, spreche ich vor mir fahrende RadlerInnen an. Bisher hatte ich wenig probleme damit. Mit Rechtsüberholern hadere ich, weil sie meist auf dem Gehweg überholen obwohl sie von mir links ausreichend viel Platz zum Überholen angeboten bekommen. Wenn es trotzdem eng wird, mag ich es gerne, wenn ich von hinten angesprochen werde oder wenn geklingelt wird. Wer mich (fast) streift ohne vorher zu klingeln, bekommt von mir einen Spruch.
Gute Fahrt

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Paperflow
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Re: Frage: Überholen eines Radfahrers auf dem Radweg

Beitrag von Paperflow » So 28. Jul 2013, 11:52

Das mit dem Kopfhörer ist so ne Sache. Ich habe tatsächlich die Kopfhörer immer im Ohr - Und meißt nicht mal mit lauter Musik.

Begründung:
a) Es reduziert die Windgeräusche und ich höre tatsächlich die Umgebung besser.
b) ich hab mal ein Insekt fasst ins Ohr bekommen, war sehr erschreckend...deshalb lasse ich die Kopfhörer auch gerne drin.
c) Hörbücher hören während der Fahrt ist auch sehr entspannend und die Umgebungsgeräusche sind auch hier zu hören.

Es muß also nicht immer laute Musik sein.

Roland Huhn 2006 ADFC-Rechtsreferent schreibt in seinem Dokument "Verkehrsrecht für Radfahrer":
"Verboten sind Ohrhörer nur dann, wenn das Gehör wesentlich beeinträchtigt wird."
..wie soll ich später nachweisen, dass ich keine laute Musik gehört habe :-)

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