Plädoyer für die 3-Gang Schaltung, oder warum weniger mehr ist.

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Stadtradler
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Plädoyer für die 3-Gang Schaltung, oder warum weniger mehr ist.

Beitrag von Stadtradler » Fr 13. Mai 2016, 15:22

Vor 3 Jahren war ich auf einem Symposium der Radlhauptstadt Kampagne bei dem Verantwortliche aus verschiedenen Bereichen ihre Sicht auf die längerfristige Entwicklung der Fahrradnutzung als Verkehrsmittel darstellten. Keynotespeaker war Mikael Colville-Andersen, der Kopf der Copenhagenize Design Company, die Kopenhagen zur weltweiten Messlatte und Vorbild gemacht hat. Dort, wie auch in Holland sind Fahrräder mit Kettenschaltung eher die Ausnahme. Die Wochen danach habe ich versucht mir anhand der Fahrräder die man täglich sieht, die hiesigen Verhältnisse darzustellen und kam dabei auf 75-80% Anteil Kettenschaltung. Dies entspricht auch in etwa dem Querschnitt durch das Angebot des Handels an neuen Fahrrädern.

Ich hab nichts gegen Räder mit Kettenschaltung, aber bei der momentan stattfindenden Wandlung des Fahrrads vom Spassgerät mit dem man viel verkehrt macht, hin zum Verkehrsmittel das viel Spass macht, sind sie besser als Zweitrad fürs Wochenende geeignet. Denn Faktoren wie Zuverlässigkeit, einfache Bedienung, Fehlertoleranz und geringer Wartungsaufwand sind hierfür elementar und da wird ein 3 Gang Rad nur von jenen übertroffen, die auf eine Schaltung verzichten.

Vor mehr als 50 Jahren warb Fichtel & Sachs mit dem Spruch "Torpedo 3-Gang, hält ein Leben lang". Deren Nachfolger die in mancherlei Hinsicht sehr unamerikanische Firma SRAM aus Chicago (Initiator von World Bicycle Relief)
deutsche Website: http://de.worldbicyclerelief.org/
hat Anfang 2015 die Produktion von Nabenschaltungen mit mehr als 3 Gängen eingestellt. Nicht weil damit kein Geld zu verdienen wäre, sondern weil sie die genannten Faktoren nicht hinreichend erfüllen.

In allen Getriebenaben mit Ausnahme der NuVinci arbeiten Planetengetriebe, bei der 2-und 3-Gang Schaltung eins, bei allen anderen mehrere. Planetengetriebe stellen jeweils eine Unter- und Übersetzung zu Verfügung, was insgesamt 3 Gänge ergibt. Da bei Nabenschaltungen mit mehr als 3 Gängen die resultierenden Gangstufen nicht aufeinander folgen, ist deren Ansteuerung viel komplizierter und meist die Ursache von Fehlfunktionen die über kurz oder lang zu Defekten führen. Nur die Rohloff Nabenschaltung kommt dieser Problemeatik entgegen, da bei ihr die Indexierung der Gänge in der Nabe und nicht im Schaltgriff erfolgt, so dass die Längung des Schaltzuges keinen negativen Einfluss ausübt.

Seit ein japanischer Hersteller von Angelzubehör in den 70er Jahren an der Gangschraube zu drehen begann und mittlerweile bei 33 angekommen ist, hat das interesse an der 3-Gang Schaltung stark nachgelassen.
Bei meinen eingangs geschilderten Beobachtungen habe ich festgestellt, dass es hauptsächlich ältere Menschen sind die mit meist älteren 3-Gang Rädern unterwegs sind. Wenn ich solche Räder zur Reparatur habe stelle ich fest, dass diese mit unterschiedlichen Primärübersetzungen (Verhältnis Zähne Kettenblatt zu Zähne Ritzel) ausgestattet sind, während moderne 3-Gang Räder ausschließlich die nicht mehr zeitgemäße, kleinstmögliche Primärübersetzung von 2:1, meist 38/19 haben, womit weder der 2. noch der 3. Gang als optimal empfunden wird. So wird der 3-Gang Nabenschaltung quasi ein Rentnerimage aufgedrückt, schließlich verkauft man ja lieber Räder mit Kettenschaltung und möglichts vielen Gängen oder wenns denn eine Nabenschaltung sein muss, 8 oder 11 Gang Modelle aus japanischer Produktion.

Dass sich die Primärübersetzung mit wenig Aufwand und geringen Kosten auf den Benutzer anpassen lässt, wissen nur Insider. Die meisten Menschen würden bei 28" Rädern 38/18 bevorzugen wodurch das Rad deutlich agiler wird und bei einem neuen Rad nur ein anderes Ritzel erfordert. Ist das Rad schon eine Zeit lang gelaufen und die Kette gelängt, muss diese ebenfalls ersetzt werden. Wer wie ich mehr als die damit erreichten 5.5% Leistungssteigerung will, oder ein Rad mit kleineren Laufrädern hat, benötigt unter Umständen auch noch eine andere Kurbelgarnitur. Selbst 20" Räder lassen sich so anpassen. Die Kosten sind moderat, das Fahrrad aber fährt sich ganz anders.

Minimaler Verschleiss und Wartungsaufwand, maximale Zuverlässigkeit und Fahrspass, also Zweckmäßigkeit pur.

Eine Übersicht der gebräuchlichsten machbaren Übersetzungen findet sich hier.
http://www.velom.de/de/nabenschaltung/
Radlergrüße

Robert L. Baer

SaschaD
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Re: Plädoyer für die 3-Gang Schaltung, oder warum weniger mehr ist.

Beitrag von SaschaD » So 15. Mai 2016, 11:03

Es bliebe noch hinzuzufügen, dass eine Nabenschaltung die Montage eines geschlossenen Kettenkastens erlaubt und damit die mögliche Lebensdauer einer Kette deutlich erhöht. Man hört von bis zu 25tkm mit einer einzelnen Kette...

Gruß,
Sascha

Stadtradler
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Re: Plädoyer für die 3-Gang Schaltung, oder warum weniger mehr ist.

Beitrag von Stadtradler » Do 19. Mai 2016, 12:05

Als Kettenschutz verwende ich gerne den minimalistischen Chainrunner, der im Gegensatz zu anderen Systemen bei jedem Rad ohne Kettenschaltung passt. Dessen einzige Schwachstelle, dass bei Regen das untere Kettentrum im Wasser steht, umgehe ich mit einer angespitzen Speiche, mit der ich ringsum kleine Löcher bohre.

Dass nach 25.000 km nur die Kette gewechselt werden muss, wage ich zu bezweifeln, da durch deren Längung auch Verschleiß an Ritzel und Kettenblatt entsteht. Aber die Taktik, die Kette so lange zu fahren wie es geht und dann den gesamten Antriebsstrang zu erneuern, kann durchaus sinnvoll sein.

Meiner Erfahrung nach wirken sich folgende Faktoren verschleißmindernd aus.
  • Runder Tritt, also kein Fahren mit niedriger Trittfrequenz und hohem Pedaldruck.
  • Vorrausschauendes Fahren besonders an Ampeln, um Antritte aus dem Stand zu vermeiden.
  • Unvermeidliche Antritte abwechselnd mit linkem und rechten Bein im ersten Gang beginnen und Pedaldruck auf den ersten Metern nur moderat erhöhen.
  • Zurückschalten immer wenn der Pedaldruck merklich steigt, beim Abbiegen, bei Bremsvorgängen, längerem Rollen oder auch geringen Steigungen.
  • Schutz vor Verschmutzung und bei Bedarf Reinigen der Kette.
  • Schmierung der Gelenke mit dicklüssigem Kettenöl anstatt Kettenspray, das nur Dreck anzieht und so den Verschleiß fördert.
  • Rostschutz durch gelegentliches Abwischen mit öligem Lappen.
  • Geradzahliges Kettenblatt UND Ritzel, aber nur wenn sichergestellt ist, dass sich beim Radeinbau die Phase nicht verschiebt, also ein breites Kettenglied immer auf einen Zahn trifft auf dem auch vorher eines war. Markierungen helfen dabei. Grund dafür ist, dass der Verschleiß an jeder zweiten Rolle bzw. deren Bolzen höher ist als an den dazwischen liegenden. So gleicht sich der Verschleiß der Zähne dem der Bolzen an.
  • Lange Kette (Vorteil für Liegeräder)
Radlergrüße

Robert L. Baer

SaschaD
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Re: Plädoyer für die 3-Gang Schaltung, oder warum weniger mehr ist.

Beitrag von SaschaD » So 22. Mai 2016, 12:06

Stadtradler hat geschrieben:Dass nach 25.000 km nur die Kette gewechselt werden muss, wage ich zu bezweifeln, da durch deren Längung auch Verschleiß an Ritzel und Kettenblatt entsteht.
Deswegen hatte ich das ja auch nicht behauptet. :)

Gruß,
Sascha

JoMi2222
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Re: Plädoyer für die 3-Gang Schaltung, oder warum weniger mehr ist.

Beitrag von JoMi2222 » So 8. Jan 2017, 18:09

Stadtradler hat geschrieben: (...)
Ich hab nichts gegen Räder mit Kettenschaltung, aber bei der momentan stattfindenden Wandlung des Fahrrads vom Spassgerät mit dem man viel verkehrt macht, hin zum Verkehrsmittel das viel Spass macht, sind sie besser als Zweitrad fürs Wochenende geeignet.
(...)
Genau deswegen würde ich das umgekehrte Plädoyer halten. Wozu braucht man Räder mit mehr als 3 Gängen am Wochenende? Weil man da auch mal Touren raus aus der Stadt macht. Da sind gerne mal Steigungen dabei, die rauf mit der 3 Gang Nabe keinen Spaß machen (schon an der Tierparksteigung) oder runter die Bremswirkung bei Rücktritt komplett verbrennen. Die normale Abstufung ist ja
1. Nicht klein genug
2. Zu klein für die Ebene
3. Zu groß für die Ebene
Damit machen auch längere Flachpassagen mit etwas mehr Tempo keine große Laune.

Ich bin daher immer mit Rädern unterwegs, mit denen auch ein spontaner längerer Ausflug nach der Arbeit aus der Stadt raus Spaß macht.

OK, ich sehe natürlich auch, daß viele in der Stadt mit den 18 Gängen der Baumarkträder nix anfangen können und daß auch eine 3 Gang Nabe mit der Richtigen Übersetzung gut an den Fahrer angepaßt werden kann.

JoMi2222
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Re: Plädoyer für die 3-Gang Schaltung, oder warum weniger mehr ist.

Beitrag von JoMi2222 » So 8. Jan 2017, 18:17

Stadtradler hat geschrieben:(...)
Eine Übersicht der gebräuchlichsten machbaren Übersetzungen findet sich hier.
http://www.velom.de/de/nabenschaltung/
Auch hier hab ich was zu meckern ;) Warum soll man den Leuten eine Übersetzung ans Rad schrauben, die auf 75 Kurbelumdrehungen pro Minute berechnet ist? Ich finde die 90, die beim Rennrad als effizient empfohlen werden, wegen der größeren Knieschonung immer noch gut. Was nützt die Anpassung an zu langsames Treten, wenn das Radeln wegen Knieproblemen frühzeitig aufgegeben werden muß?

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