Gradmesser 7/2002:
Aufgeweiteter Radaufstellstreifen an der Kreuzung Josef-Retzer-Straße / Gräfstraße in München-Pasing


Die Beschreibung

Aufgeweiteter Radaufstellstreifen an der Kreuzung Josef-Retzer-Straße / Gräfstraße
Die Fahrt führt von der Münchner Innenstadt über die Theresienwiese, durch den Westpark und vorbei an den Städtischen Baumschulen über Felder und Wiesen nach Pasing. Eine angenehme Verbindung, bei der wir fast die Hälfte der Strecke im Grünen radeln und die mittelfristig in die Hauptroute "Äußerer Ring" übergehen wird.

In Pasing überquert die Route im Verlauf der Josef-Retzer-Straße die stärker befahrene Gräfstraße. Wegen der Verschwenkung der Josef-Retzer-Straße ist es für die Radfahrer erforderlich, zunächst links in die Gräfstraße und dann wieder rechts in die ursprüngliche Fahrtrichtung abzubiegen. Für diesen linksabbiegenden Radverkehr wurde durch die Straßenverkehrsbehörde ein sogenannter "Aufgeweiteter Radaufstellstreifen" eingerichtet: Eine breite Fläche zwischen der Haltelinie für den restlichen Verkehr und der Ampel gibt den Radfahrern die Möglichkeit, sich bei rotem Lichtzeichen vor den Autos für das direkte Linksabbiegen aufzustellen.



Die Bewertung

Eine sehr sinnvolle Massnahme, wenn sie alle Verkehrsteilnehmer begriffen haben
Eine positive Einrichtung aus dem Katalog der Fördermaßnahmen für den Radverkehr, die derzeit leider nur bedingt funktioniert. Der Aufstellstreifen ist kürzer als die von den einschlägigen Richtlinien empfohlenen 5 Meter und zudem nicht mit roter Farbe markiert. Dem entsprechend wird er nur etwa von jedem zweiten Kraftfahrzeuglenker ausreichend respektiert, oft bleibt nicht wirklich genug Platz für die Radler, die nach Links wollen. Viele Radfahrer sind mit dem Angebot offensichtlich nicht vertraut und nehmen es nicht an. Zum Teil sind sie unsicher beim ungewohnten direkten Linksabbiegen mit Gegenverkehr. Deshalb wäre eine Markierung in der Kreuzungsmitte hilfreich, die Radfahrer und Gegenverkehr sofort ersehen läßt, wo sie problemlos aneinander vorbeikommen.

Neuartige Verkehrseinrichtungen brauchen offensichtlich eine lange Gewöhnungszeit, aber die Verkehrsbehörde hat ja hier, wie anderswo in München, einen dankenswerten Anfang gemacht.

Man mag bemängeln, dass dies an einer bislang vergleichsweise unbedeutenden Radroute in einer Nebenstraße in einem äußeren Stadtteil Münchens realisiert wurde und anführen, dass es Stellen in der Stadt gibt, an denen der Nutzen für die Radfahrer wie auch die erforderliche Rücksichtnahme der Automobilisten ungleich größer wäre. Der Autor meint jedoch, dass die Stadt München mit dieser großflächigen Straßenmarkierung genau wie bei Fahrradstraßen, mögen sie nun sinnvoll sein oder nicht, vor allem ein deutliches und symbolhaftes Zeichen für den Radverkehr gesetzt hat. Radfahrer sehen hier, dass sie ernst genommen werden und Autofahrer erfahren die angestrebte Gleichberechtigung des nicht motorisierten Verkehrs. Langfristig wird dies verkehrspolitisch wirksam sein und eine allmähliche Änderung des Verkehrsverhaltens aller Beteiligten bewirken. Dann sollten solche Einrichtungen auch an den wirklichen Brennpunkten des Radverkehrs möglich sein.


Am Rande notiert

Unbegreiflich bleibt, warum die Stadt, obwohl die Josef-Retzer-Straße und die folgenden Straßen in gerader Linie bis zum Pasinger Marienplatz führen, den Radverkehr noch vor der so aufwendig hergerichteten Kreuzung per Radroutenschild in die Weinbergerstraße umleitet und an beiden Enden der Bodenstedtstraße, obwohl sie für Radfahrer befahrbar ist, Sackgassenschilder angebracht hat. Überhaupt ist die Strecke Westpark - Pasing höchst unvollständig und irreführend ausgeschildert und kaum ohne Radlstadtplan zu finden. Außerdem werden Radfahrer durch peinliche Schrankenanlagen an der Silberdistelstraße/ Einfahrt Baumschulen, die mit Kinderanhänger nicht zu passieren sind, behindert.


Das Ergebnis

gut

Eine sehr sinnvolle und, wenn sie erst alle Verkehrsteilnehmer begriffen haben und respektieren, sehr wirksame Maßnahme für den Radverkehr. Eine richtlinienkonforme Ausführung sowie eine widerspruchsfreie Routenführung wären wirklich konsequent gewesen. Wünschenswert: Mittenmarkierung auf der Kreuzung und auffällige rote Farbe auf dem Aufstellstreifen. Trotzdem: Ein Zeichen für den Radverkehr.


Martin Feldner


info@adfc-muenchen.de