Gradmesser 1/2002:
Vorfeld der Propyläen am Königsplatz - städtebauliche Aufwertung und Neugestaltung


Die Beschreibung

Bild 2
Propyläen: Fehlende Anschlüsse zwingen
linksabbiegende Radler zu einem großen Umweg
(bis zum rechten Bildrand).
Der Königsplatz mit seinen antiken Randbauten, von König Ludwig I. vor 150 Jahren klassizistisch angelegt und von den Nationalsozialisten verunstaltet, wurde bereits 1988 weitgehend in die historische Gestalt zurückverwandelt. Jetzt wurde auf der westlichen "Rückseite" der Propyläen, wo sich die Luisenstraße und die Briennerstraße treffen und zu einer Asphaltwüste zerflossen, das Vorfeld vornehmlich unter städtebaulichen Gesichtspunkten umgestaltet und die Verkehrsführung neu gefaßt.

Bisher öffnete sich die Briennerstraße trichterförmig vor den Propyläen und lief um diese herum. Nun wurde die Straße begradigt und endet in einer fast T-förmigen Kreuzung mit neuer Ampel. Die gewonnenen Seitenbereiche wurden den Fußgängern zugeschlagen und zu einem grob gepflasterten Museumsvorraum von Lenbachhaus und der unterirdischen Dependance Kunstbau aufgewertet.

Der Radverkehr, der in Ost-West-Richtung auf einer Hauptroute die Propyläen passiert, fährt nun auch auf neuen, ebenfalls gepflasterten Radwegen, die vor den Propyläen seitlich wegschwenken und an die Sandwege des Königsplatzes anschließen. Auch die Radwege der südlichen Luisenstraße wurden verlängert und gepflastert und enden bzw. beginnen nun an der nördlichen Kreuzung vor dem Lenbachhaus.


Die Bewertung

Bild 1
Hier ist das unterschiedlich grobe Pflaster
sehr gut zu erkennen.
Daß dieser bisher unschöne Stadtraum sich optisch ansprechender präsentiert, ist durchaus lobenswert, fließt aber nicht in die Bewertung ein. Aus Sicht des Gradmessers sollen schließlich nur Radverkehrsbelange berücksichtigt werden.

Gut ist, daß unbefriedigende Radwegenden beseitigt wurden. Der Radweg vom Hauptbahnhof endet jetzt weiter nördlich gegenüber vom Lenbachhaus und erlaubt Einfädeln im Schutz einer Gehwegnase. Radfahrer vom Stiglmaierplatz erhielten bis zur Kreuzung Luisenstraße eine eigene Fahrfläche, die jetzt auch Fußgänger deutlich erkennen. Und auch die unsinnige Radweglücke vom Königsplatz in Richtung Stiglmaierplatz ist inzwischen Geschichte.

Ziemlich unbefriedigend ist aber die dafür gewählte Oberflächenart: Pflaster! Soviel Historie ausgerechnet für die stoßemfindlichsten Verkehrsteilnehmer gibt zu Verwunderung Anlaß: schließlich gab es vor 150 Jahren keine Radwege und das Pflaster erstreckte sich - inmitten von Wiesen - nur auf der Fahrbahn. Die ist heute aus gutem Grund asphaltiert, so wie es auch neue Radwege sein sollten. Schließlich wollen auch Radfahrer weder auf komfortables noch sicheres Fahren (bei Glätte und Nässe) verzichten. Was sie auch nicht wollen: von Stadtgestaltungsprinzipien übergangen werden, die bei kraftverkehrstechnischen Aspekten selten gelten.

Bild 3
Der Schnee zeigt besonders deutlich die
Abkürzspuren auf der neu gewonnen Freifläche.
Entlang dieser Linie verlief vorher
der alte Fahrbahnrand.
Zweiter Hauptkritikpunkt nach den mißlungenen Oberflächen ist die deutliche Benachteiligung dreier wichtiger Hauptroutenbeziehungen. Radfahren vom Stiglmaierplatz zum Königsplatz ist neuerdings mit deutlich längeren Wartezeiten an der Ampel verbunden. Die gleiche Fahrbeziehung auf der Fahrbahn weist gut doppelt so lange Grünphasen auf und kommt wesentlich zügiger voran. Wollen Radfahrer vom Stiglmaierplatz dagegen nach links abbiegen, müssen sie erstmal weit nach rechts abschwenken, an besagter Ampel auf das kurze Grün warten, dann endlich indirekt nach links abbiegen und schließlich wieder zurückfahren. Eine ähnliche Situation entsteht für linksabbiegende Radfahrer aus Richtung Hauptbahnhof. Gegenüber Fahrbahnbenutzung handeln sie sich einen deutlichen Umweg und Zeitverlust an mehr und ungünstigeren Ampeln ein. Was ist die Folge? Komfort- und zeitbewußte Radfahrer werden frühzeitig und für die Autofahrer eventuell unvorhersehbar die vorgesehen Wege verlassen und versuchen, auf der Fahrbahn "mitzuschwimmen". Oder die Linksabbieger umfahren die Kreuzung auf der "linken" Seite, d.h. im Uhrzeigersinn. Besser, man hätte diese Optionen gleich ordentlich und ohne Holpereffekt eingebaut: Radfahrstreifen entlang des ganzen Platzbereichs sowie die Möglichkeit, den Platz im Süden, Westen und Norden auch in Gegenrichtung zu queren. Radfahrstreifen dürften jetzt aufgrund der vorhandenen Situation nur durch Totalumbau zu verwirklichen sein.

Unser Vorschlag an die Stadt lautet deshalb, den "Uhrzeigersinn" zu legalisieren und sämtliche Radwege zu asphaltieren. Letzteres würde obendrein dazu führen, daß der Radverkehr häufiger diese ebenen und etwas umwegigen Trassen nutzt und nicht, wie häufig beobachtet, über den Fußgängerbereich abkürzt.


Das Ergebnis

unbefriedigend

Die Zielvorgaben der StVO-Verwaltungsvorschrift wie zumutbare Beschaffenheit (d.h. Oberfläche) und stetige Linienführung (hier beim Linksabbiegen) werden verfehlt.


Franz Reitbacher


info@adfc-muenchen.de